interview mit alexander brill

interview von alexander brill mit der türkischen theaterzeitung

yeni tiyatro dergisi (neues theater magazin )

september ausgabe


brill_soylesi

 

 

 

können sie unseren lesern kurz ihren werdegang beschreiben?


seit 1968 war ich als schauspieler an verschiedenen stadttheatern in deutschland und der schweiz engagiert. 1984 habe ich in die regie gewechselt. ich habe mich im laufe der jahre auf die arbeit mit jugendlichen laien spezialisiert und habe am schauspiel frankfurt einen jugendclub gegründet, damals eine innovation in deutschland. heute hat beinahe jedes theater diese einrichtung. 2007 habe ich theaterperipherie gegründet.


worin liegt das besondere von theaterperipherie?


das fremde/andere wird in jeder gesellschaft als störend, irritierend und bedrohlich empfunden. als eine bedrohung werden in deutschland spätestens seit dem 11.9. 2001 die muslime wahrgenommen. dabei wird ausgeblendet, dass es die muslime nicht gibt, sondern ganz unterschiedliche milieus, die ihren glauben und ihre kultur verschieden interpretieren und leben. das ist unter deutschen nicht anders. theaterperipherie versteht sich einerseits als mittler zwischen den muslimischen migranten und den deutschen. aber auch als ein ort, an dem kritische fragen an die muslimische community gestellt werden. wir können und dürfen das tun, weil beinahe alle unserer darsteller ihre wurzeln in muslimischen ländern haben (in dieser spielzeit haben wir in unserem ensemble menschen aus 16 verschiedenen ländern des orients und afrikas.) sie wissen also genau bescheid über die familien- und lebenssituationen, die nicht nur bei uns, sondern auch in muslimischen gesellschaften diskutiert werden. deshalb ist unsere theaterarbeit so glaubwürdig. wir haben uns ein ganz anderes publikum erobert, als das normale stadttheater: zu uns kommen 63% schüler und studenten und 42 % menschen mit migrationshintergrund. theaterperipherie ist ein ort der begegnung zwischen deutschen und migranten geworden.

 

wie finanzieren sie ihr theater?


wir sind eine freie gruppe, die 2007 mit einer unterstützung durch die stadt frankfurt und stiftungen mit 30.000 euro begonnen hat. durch unsere erfolge, zahlreiche gastspiele und preise, die wir gewonnen haben, hat sich unser etat mehr als verdreifacht. durch eine dreijährige projektförderung der stadt frankfurt und andere zusagen haben wir für die nächsten jahre eine planungssicherung, die es uns erlaubt, ab der spielzeit 2010/2011 mehrere inszenierungen heraus zu bringen

 

wie sehen sie theater in deutschland?


ich finde das deutsche theatersystem großartig. wir haben ca. 120 subventionierte stadttheater. sie finden in unserer theaterlandschaft eine unglaubliche vielfalt von stilen und begabungen. unsere schauspielschulen entlassen jedes jahr bestens ausgebildete hochbegabte junge schauspieler, übrigens auch zunehmend mit migrationshintergrund. allerdings werden die arbeitsmöglichkeiten zunehmend durch einsparungen der öffentlichen hand und den druck der statistik komplizierter, vor allem bei kleineren theatern. alle theater stehen vor dem legitimationsproblem: warum mache ich welches stück? wie mache ich es? für wen mache ich es? das liegt daran, dass sich das publikum sehr verändert hat. ein bildungsbürgertum, das theater als ort der schönen künste ansieht und ein verlässlicher zuschauer ist, existiert nicht mehr, statt dessen stellen verschiedenartige milieus unterschiedliche erwartungen an das theater. das führt dann zu spielplänen, die für jeden etwas anbieten, also eine bunte wiese, oder man beschränkt sich auf eine aussage. das hat dann zur folge, dass sich das publikum bei einem intendantenwechsel beinahe vollständig austauscht.

 

welchen zweck hat für sie theaterarbeit?


diese frage wird ihnen jeder künstler anders beantworten. für theaterperipherie gilt der satz: „tua res agitur“ (deine sache wird verhandelt). eine sache verhandeln heißt aber auch, positionen zu beziehen, einzutreten für gedanken, die ungern ausgesprochen werden, konflikte benennen, die verschwiegen werden. theater soll in meinem verständnis immer ein stachel im fleisch unserer gesellschaft sein. sie feiert sich in den meisten veranstaltungen selber. wir amüsieren uns zu tode, wir teilen uns in gesellschaftliche segmente und interessen auf, die nur noch sich selbst kennen und keine berührung mit anderen mehr suchen. jeder drängt in die mitte oder nach oben, wehe, du landest am rand der gesellschaft, an ihrer peripherie. dann bist du out. theaterperipherie gibt diesen gesellschaftlichen rändern eine stimme, es soll der ort sein, an dem eine verbindung zwischen den getrennten segmenten mit dem mittel des theaters wieder hergestellt werden soll. die themen werden in zukunft nicht auf die migration beschränkt sein. ich kann mir durchaus vorstellen, projekte mit arbeitslosen zu machen, oder mit behinderten.

 

auf was achten sie bei der auswahl ihrer stücke?


die stücke, die wir planen, müssen immer mit den darstellern, die sie spielen sollen, zu tun haben. dann können sie zu spezialisten werden, die von sich erzählen. bei allen bisherigen arbeiten haben sie inhalt und form der inszenierung durch ihr wissen und ihre erfahrungen wesentlich geprägt. übereinstimmend haben bisher alle kritiker die so entstandene authentizität unserer darsteller lobend hervorgehoben. es würde also für uns keinen sinn machen, z.b. "hamlet" zu spielen. die welt und die fragestellung dieses stückes sind ihnen fremd, was könnten sie in "hamlet" an emotionalem wissen und gelebter erfahrung einbringen?

 

welche momentanen projekte verfolgen sie?


wir untersuchen in dieser spielzeit zwei möglichkeiten der migration.

1. die legale arbeitsmigration. da haben wir uns für einen deutschen klassiker entschieden: maria magdalena von friedrich hebbel. dieses stück wurde 1844 geschrieben, in einer zeit vehementer gesellschaftlicher umbrüche in deutschland. hebbel beschreibt den zerfall einer deutschen kleinbürger familie. die eltern halten verbissen an den traditionen fest, die kinder leben aber bereits in einer anderen realität mit neuen wünschen und gefährdungen. diese tatsache verschärft den normalen generationenkonflikt. er bekommt eine wucht, die die familie sprengt. man kann dieses stück heute in deutschland eigentlich nicht mehr spielen, weil es uns total veraltet vorkommt. tradition und patriarchat spielen in unseren familien keine nennenswerte rolle mehr. das höchste zu erstrebende gut in deutschland ist die individualität. aber in großen teilen der muslimischen gesellschaft sind traditionen und feste rollen- und geschlechterzuweisungen, die durch das patriarchat am leben gehalten wurden, nach wie vor sehr wichtig. das macht den 165 jahre alten stoff zu einer idealen grundlage, um familienprobleme der migranten heute zu erzählen. unsere darsteller kennen diese familiäre situation sehr genau. alle haben nach der leseprobe übereinstimmend gesagt: dieses stück schildert genau unser leben.

2. das leben der menschen, die illegal in deutschland leben. das thema der illegalität wird in deutschland tabuisiert. dabei leben zwischen 600.000 bis zu einer million menschen im dunkel unserer gesellschaft. schon die schwankenden zahlen geben auskunft über das verschweigen. unser abend besteht aus zwei stücken: "warten auf godot" von s. beckett; dieses, stück wird von afrikanern gespielt und "die im dunkeln" von ute bansemir, es schildert die recherche über die lebensbedingungen von menschen ohne papiere.

 

was berührt oder ärgert sie am deutschen theater?


heute macht mich der tod von christoph schlingensief sehr traurig, der für mich der interessanteste (theater) künstler in deutschland war. der krebs hat ihn gestern mit lächerlichen 49 jahren besiegt. er hat auf die vielfältigste weise fragen an unsere gesellschaft gestellt. viele haben das missverstanden und sich provoziert gefühlt. so konnten sie seinen fragen bequem ausweichen. ärgern tue ich mich über zwei dinge: 1. die eventisierung unserer kunst und kultur; d.h. die gelder werden zunehmend für teure prestige projekte oder festivals ausgegeben, für die basisarbeit am theater wird das geld immer knapper. viele stiftungen wollen ihr logo auf repräsentativen veranstaltungen sehen, was dem deutschen stiftungsgesetz eigentlich widerspricht. 2. das deutsche theater tut mit wenigen ausnahmen nach wie vor so, als gäbe es in unserem land nicht 10 millionen einwohner und steuerzahler, die ihre wurzeln nicht in deutschland haben. sie gehen nicht auf diese menschen zu, beziehen sie nicht in ihren spielplänen mit ein. und wenn doch, dann wieder auf festivals, die treffpunkte einer kulturschickeria sind: man macht jetzt auf der ruhr triennale "leila und madschnun" (wir haben diesen mythos 2008 gespielt), aber sie können davon ausgehen, dass sie dort kaum migranten finden werden. die eintrittspreise liegen zwischen 20 – 80 euro. und wer spielt? deutsche schauspieler.

 

wie schätzen sie theater in anderen ländern ein?


dazu kann ich wenig sagen. ich weiß zu wenig über die theaterlandschaften in anderen ländern. die sachen, die ich in den usa, england, italien, russland, jugoslawien, frankreich, der türkei gesehen habe, haben mich mal mehr mal weniger beeindruckt. auch bei gastspielen, denen ja schon der ausdruck eines besonderen ereignisses anhaftet, habe ich ganz unterschiedliche qualitäten für mich ausgemacht. sehr spannend fand ich das gastspiel von garajstanbul mit "ashura", das mit poetischen bildern die ausrottung zahlreicher kulturen und sprachen erzählt. es würde mich sehr interessieren, in afrika theater zu sehen oder zu machen. dort scheint mir die theatersprache noch sehr mit alten traditionen und kulten verbunden. diese geheimnisse würden mich interessieren.

 

sie waren mit ehrensache in istanbul. können sie sich vorstellen auch mit maria magdalena dort zu gastieren?


ja, sicher könnte ich mir das vorstellen. "maria magdalena" trifft mit sicherheit den nerv der menschen im heutigen istanbul. auch dort gibt es den diskurs über moderne und tradition. soweit ich das von deutschland aus beobachten kann, ist die gesellschaft gespalten in dieser frage. ich meine jetzt nicht das kopftuch, über das allerorten heftig gestritten wird. dieses stück stoff scheint mir nur ein symbol für eine viel wichtigere frage zu sein: für die oft noch ungebrochene macht des patriarchats. die alten, festgezurrten vorstellungen von "mann/frau/familie/sexualität/ ehre/kollektiv" widersprechen dem stärker werdenden wunsch nach individualität und selbstbestimmung. diese themen werden in "maria magdalena" verhandelt.

 

wie würden sie einem menschen, der noch nie im theater war, das theater erklären?


ich kann ihm theater nicht erklären, er muss es erleben. er wird wiederkommen, wenn er in den zwei stunden die erfahrung macht, dass er auf der bühne seine gedankliche und emotionale welt wieder findet. das stück und die schauspieler müssen keinesfalls seine meinung bestätigen, sie sollen ihn ruhig verunsichern, neue fragen aufwerfen. aber sie müssen ihn packen und nicht mehr loslassen. der zuschauer muss das theater anders verlassen, als er rein gegangen ist. dann war der theaterabend ein gewinn für sein leben. dasselbe gilt übrigens auch für die macher: die arbeit an dem stück muss etwas in ihnen verändert haben durch die erfahrungen der gemeinsamen arbeit. nur dann haben sie sich dem stoff wirklich ausgeliefert und ihm etwas eigenes abgerungen.

 

die fragen stellte: kadir akbulut


www.yenitiyatrodergisi.com

 

»haymatlos
- EIN LIEDERABEND«
*theaterperipherie ON TOUR*

 

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Krieg den Palästen!«

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