laudatio zur verleihung des hessischen integrationspreis
Sonntag, den 14. November 2010 um 23:19 Uhr

Wer einen Preis bekommt, der hat ihn auch verdient. Das ist zumindest unsere Überzeugung, die Überzeugung einer gestrengen Jury. Wer einen Integrationspreis bekommt, der hat sich also verdient gemacht um das Zusammenleben von – nun ja – Ausländern und Einheimischen? Alt- und Neudeutschen? Herkunfts- und Zukunftsdeutschen? Verdient gemacht um das Zusammenleben der „Deutschländer“, um eine Wortfügung von Feridun Zaimoglu zu zitieren, die mir gut gefällt.

Es geht hier um ein gesellschaftliches Anliegen, für das wir das theaterperipherie auszeichnen.

 

Ein Theater? Das ist alles andere als selbstverständlich. Gewiss, der Bildungsbürger denkt an Lessings Theater als „Schule der moralischen Welt“ oder als „Moralische Anstalt“.

 

Schiller formulierte in seinen frühen ästhetischen Schriften:

Die Schaubühne ist mehr als jede andere öffentliche Anstalt des Staats eine Schule der praktischen Weisheit, ein Wegweiser durch das bürgerliche Leben, ein unfehlbarer Schlüssel zu den geheimsten Zugängen der menschlichen Seele.“

 

Das aber ist heute nicht ohne Weiteres einsichtig.

Schon Schiller selbst verwarf unter dem Eindruck des Anspruchs einer autonomen Ästhetik (Kant) jegliche Funktionalisierung ästhetischer Erfahrung. Wir haben es hier mit einer scheinbar unauflösbaren Aporie zu tun, der Spannung zwischen der Autonomie der Kunst und gesellschaftlicher Relevanz der Kunst, hier speziell der Kunstform „Theater“

 

Auf den Schillertagen in Mannheim 1997 sagte der russische Autor und Dramatiker Wladimir Sorokin:

Dass die Schauspieler mit ihrem Spiel die ästhetische Erziehung der Massen befördern und so mithelfen, den Aufbau einer gerechten Gesellschaft voranzutreiben – zu diesem Schillerschen Credo kann sich in unserer Zeit nur ein Laie oder ein Verrückter bekennen.“

 

Dagegen steht der Intendant des Berliner Ensembles, Claus Peymann, mit einer Interview-Äußerung 2001 im Spiegel:

Ich bin fest davon überzeugt, dass das Theater eine erzieherische Aufgabe zu übernehmen hat in dieser bis an den Rand der Fäulnis verrotteten Demokratie in Westeuropa.“

 

Zum Glück musste die Jury diese Kontroverse nicht entscheiden.

 

Theaterperipherie jedenfalls bekennt sich von seinen Anfängen im Jahr 2008 an ausdrücklich zum pädagogischen Auftrag. Theaterpädogik, heißt es in den programmatischen Grundsätzen des Theaters, sei kulturelle Bildung und damit Teil des Sozialisationsprozesses. Danach gefragt, worum es dem theaterperipherie gehe, hat der Gründer und Leiter Alexander Brill geantwortet: „Tua res agitur“ – es geht um deine Sache! Das Theater soll nach Brills Worten Stachel im Fleisch der Gesellschaft sein; Zuschauer und Schauspieler müssen das Theater anders verlassen, als sie hineingegangen sind.

Das erinnert mich an einen Satz, den Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters in Berlin, unlängst in einem FR-Interview gesagt hat:

 

Das Theater arbeitet an den Verzweiflungen des Menschen, des gekränkten, des ausgelieferten, des isolierten Menschen.“

 

Dies aber nicht in der simplen Manier des Schultheaters, als ob es darauf ankäme, sich mit diesem oder jenem tugendhaften Charakter auf der Bühne zu identifizieren oder sich von einer lasterhaften Figur zu distanzieren und so gleichsam gebessert oder zumindest belehrt nach Hause zu gehen. Vielmehr geht es dem theaterperipherie zuerst und vor allem um Kunst, um die Unbedingtheit des künstlerischen Anspruchs.

 

Von diesem Ansatz aus geht es brisante Themen (Ehrenmord, Illegalität) an, gewährt ungewohnte Einblicke und schafft eine besondere Authentizität in der Kommunikation zwischen Darstellern und Publikum:

  • Die Darsteller kommen aus 14 Nationen, gehören allen drei großen monotheistischen Religionen an.

  • 42 % der Zuschauer haben Migrationshintergrund.

  • 62 % der Zuschauer sind Schüler und Studenten.

 

Die erwähnte Authentizität in der Kommunikation zwischen Darstellern und Publikum lässt sich sehr gut an den beiden aktuellen Produktionen sehen:

 

Die im Dunkeln - über das Leben von Illegalen in Deutschland

Die Textcollage evoziert starke Gefühle: Angst – Mitleid – Betroffenheit – Verantwortung – Ratlosigkeit – Sarkasmus.

Das Stück re-präsentiert etwas, was sonst „im Dunkeln“ bleibt.

 

Maria Magdalena (Friedrich Hebbel, 1844)

Das Stück zeigt das Zerbrechen einer Familie an überkommenen, verkrusteten, unmenschlichen Wert- und Moralvorstellungen. Durch die Übertragung des „bürgerlichen Trauerspiels“ in eine Migrantenfamilie gewinnt ein verstaubtes Stück eine verblüffende Aktualität, es entsteht ein eigener ästhetischer Reiz und eine zwingende Logik: „Dieses Stück schildert unser Leben“, so hat Alexander Brill einen der Mitwirkenden zitiert.

 

„Man sieht aber keine Dokumentation, sondern Theater“, hat eine Rezensentin sehr richtig festgestellt. Das heißt, wir sehen eine bestimmte Wirklichkeit in ästhetischer Brechung, in der Doppeldeutigkeit der Spielsituation.

 

Erst die Bedingung, dass im Spiel eine eigenständige theatrale Wirklichkeit erzeugt wird, führt zur Differenzerfahrung – zwischen Spieler und Figur, Bezeichnetem und Bezeichnendem, die Voraussetzung für jede ästhetische Erfahrung ist.“ (Ulrike Hentschel, Theaterpädagogin)

 

Selbst wenn das Theater eine autonome ästhetische Position reklamiert, muss es noch lange auf jede Wirksamkeit der künstlerischen Tätigkeit verzichten oder den Rückzug in den blassen Ästhetizismus antreten. Insofern überwindet das

theaterperipherie die Schillersche Aporie zwischen autonomer Kunst und gesellschaftlicher Relevanz.

 

Aber um es noch einmal zu betonen: Wir vergeben hier keinen Theaterpreis. Davon hat das theaterperipherie auch schon welche bekommen:

  • 2009 den „Nachwuchspreis für beste darstellerische Leistung“ bei den hessischen Theatertagen in Marburg

  • 2010 den Günther-Rühle-Preis auf der „Woche junger Schauspieler“ in Bensheim.

 

Sondern wir würdigen (Zitat aus Jury-Begründung)

  • das „große private Engagement“

  • ein „integratives Ensemble aus Laienschauspielern und künstlerischem Nachwuchs“

  • „dass Integrationsthemen nicht nur künstlerisch anspruchsvoll behandelt, sondern darüber hinaus bei Mitwirkenden und Publikum einen Reflexionsprozess angestoßen werden“

  • den Grundimpuls des Theaters, für den schon sein Name „Peripherie“ steht: den Vorstoß in Randbereiche / Grenzbereiche / den Grenzgang zwischen Lebenswelten und Kulturen

 

Und das Beste daran ist: Jeder kann sich davon überzeugen, ohne dass ich hier weiter reden muss – durch einen Besuch in der Frankfurter Jugendkulturkirche St. Peter. Theater, so hat Alexander Brill sinngemäß gesagt, lässt sich nämlich nicht erklären. Man muss es erleben. Dieses Erlebnis empfehle ich Ihnen ausdrücklich. Ich gratuliere dem theaterperipherie und freue mich, Ihnen den Hessischen Integrationspreis 2010, dotiert mit 8000 Euro, überreichen zu dürfen.

 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 

 

(Die Laudatio wurde von Joachim Frank, Chefredakteur Frankfurter Rundschau, gehalten.)

 

 

»haymatlos
- EIN LIEDERABEND«
*theaterperipherie ON TOUR*

 

»Woyzeck und Marie«
von Georg Büchner
Neuproduktion 

 

»Friede den Hütten!
Krieg den Palästen!«

von Georg Büchner
Neuproduktion 

 

»Die im Dunkeln«
ein Projekt über Menschen ohne Papiere.
Wiederaufnahme 

 

»Ehrensache«
von Lutz Hübner
Wiederaufnahme 

 

 

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