theaterperipherie - unser Konzept seit der Spielzeit 2011/12

Im Mittelpunkt der Arbeit von theaterperipherie standen in den letzten Jahren die Themen Integration und Lebenswelten von Migranten. Als zentrales Motiv tauchte in allen Inszenierungen immer wieder die Gewalt auf - strukturell und real physisch. Wir haben die Ursachen dafür nicht im Islam oder der Kultur gesucht und gefunden, sondern dort, wo das Patriarchat sich weiterhin ungebrochenen in Köpfen und Fäusten auslebt. Diese Auseinandersetzung war wichtig und gut. Denn sie hat den jungen DarstellerInnen und unserem migrantischen Publikum die Möglichkeit gegeben, sich selbst, ihr Handeln und ihre Einstellungen spielerisch zu untersuchen und neue Haltungen und Strategien zu entdecken. Wir werden diese konzeptionelle Linie ab 2011/2012 verlassen, das hat mehrere Gründe.

In Europa ist das Andere, das man braucht, um sich selbst zu definieren, beinahe ausschließlich der Islam geworden. "Die Debatte über Integration ist eine Debatte über Muslime geworden – übrigens nicht mit den Muslimen, sondern hauptsächlich über die Muslime. Diejenigen Protagonisten der Debatte, die einen arabischen, iranischen oder türkischen Namen führen, sind fast durchweg Autoren, die den Islam ablehnen. Ihre Rolle ist die von Kronzeugen der deutschen Anklage." (Navid Kermani)

So ist es! Politiker und Medien sind dabei, Deutschland in ein WIR und die MUSLIME zu zerlegen. Diese Spaltung führt in eine Sackgasse. Sie beruft sich auf einen überholten National- und Kulturbegriff, der von einer homogenen deutschen Gesellschaft ausgeht. Diese Deutung ist genauso überholt, wie die einer homogenen migrantischen Zuwanderungsgesellschaft. Diese Gegenüberstellung hat aber immer den deutschen Geigerzähler im Gepäck, der in DEN MUSLIMEN das NOCH NICHT oder SCHON aufspüren soll, und lässt gleichzeitig die Frage unbeantwortet, was der Indikator für NOCH NICHT oder SCHON ist. Gleichzeitig repetiert sie unverdrossen dieselben defizitären Schubladen, in denen Migranten seit Jahrzehnten stecken, und will nicht zur Kenntnis nehmen, dass die meisten der real vorhandenen Probleme nicht Ausdruck von Herkunft, Kultur oder Religion sind, sondern von Schichten und Milieus, zu denen „Deutsche“ und „Ausländer“ gleichermaßen gehören.

Das Integrations Dezernat der Stadt Frankfurt hat 2010 in seinem "Integrations- und Diversitätskonzept" einen Perspektivwechsel vollzogen. Es betont die Vielfalt der Herkünfte und Milieus und erkennt sie als Reichtum für unsere Stadtgesellschaft. Es stellt fest, dass sich unterschiedliche Identitäten und Zugehörigkeiten nicht nur auf kulturelle, religiöse, ethnische Bereiche beschränken, sondern Mehrfachzugehörigkeiten in einer pluralen Gesellschaft die Regel sind. "Es ist zukunftsweisend, die Migrantinnen und Migranten aus der Schublade der Problemgruppen herauszuholen. Wir brauchen diese neue Sichtweise. In 20 Jahren sind die Migrantinnen und Migranten von heute diejenigen, die unsere Gesellschaft steuern werden."

Wir sehen - auch nach dem von Sarazzin angestoßenen geistigen Offenbarungseid in Deutschland - keinen Sinn mehr darin, migrantisches Leben zu problematisieren. Denn allzu schnell spiegeln und reproduzieren selbst die bestgemeinten Stücke und Projekte über und mit jungen MigrantInnen nur eine defizitäre Sicht, Vorurteile und bestehende Klischees. Diese Bedenken haben wir in den zahlreichen Publikumsgesprächen gerade von jungen Muslimen immer wieder gehört. Sie bestätigten zwar, dass es Gewalt und die sie rechtfertigenden Strukturen gibt, aber gleichzeitig fühlten sie sich stigmatisiert und von Neuem ausgegrenzt durch ein Theater, das eigentlich ihr Forum sein möchte. Sie sahen sich wieder mal als die Anderen, die Fremden.

Der Begriff der INTEGRATION wird in Zukunft in unseren Überlegungen keine Rolle mehr spielen. Wir werden unsere Aufmerksamkeit stattdessen auf TEILHABE richten. Wer an ökonomischen und gesellschaftlichen Prozessen unserer Gesellschaft teilhat, wird sich mit ihr identifizieren, sich in ihr beheimatet fühlen und sie produktiv gestalten wollen. Wer ohne Teilhabe ist, wird sich nicht gewollt, nicht gebraucht und ausgeschlossen fühlen. Das gilt für alle BürgerInnen unseres Landes, egal ob sie der deutschen Aufnahmegesellschaft angehören, oder aus anderen Ländern gekommen sind. Das bedeutet, dass wir uns den sozialen Fragen unserer Gesellschaft zuwenden, nicht mehr den kulturellen oder ethnischen.

Damit bekommt für theaterperipherie die gesellschaftliche Peripherie ein neues Gesicht. Im Zentrum und Focus werden nicht mehr wie bisher die Fragen der schwarzhaarigen, dunkelhäutigen Menschen stehen. Sondern die Fragen aller, die von der Mitte an die Peripherie geschleudert wurden, oder diese nie verlassen haben. Dieser Perspektivewechsel wird auch Auswirkungen auf unser Ensemble haben. Auf der Bühne wird es egal sein, ob einer Muslim, Christ oder Jude ist, es wird egal sein, ob einer Migrant oder Deutscher ist, es wird egal sein, ob eine Frau ein Kopftuch trägt, oder nicht. Diese Zuschreibungen haben für uns keine Bedeutung mehr, und stellen keine Interpretation dar. Wer bei theaterperipherie auf der Bühne stehen wird, steht dort, weil wir sie/ihn für die beste Besetzung einer Rolle halten. Basta! Das verlangt vom Publikum ein NEUES SEHEN und SICH EINLASSEN. Darauf sind wir sehr gespannt.

Unsere Aufführungen sind keine bürgerlichen Kunstübungen und Repetitionen von Deutungen, sondern theatrale Bekundungen des Lebens, Denkens und Fühlens junger Menschen auf hohem ästhetischem Niveau. Unsere Erfolge beruhen, wie immer wieder betont wird, auf dem Konzept des Theaters und seiner authentischen Umsetzung auf der Bühne. Dabei verstehen wir unter Authentizität nicht den platten Transfer von der Straße auf die Bühne: den Rapper, den Break Dancer, den Sozialbericht aus dem Kiez. Diese Authentizität finden wir voyeuristisch, und sie ist mittlerweile zum Klischee verkommen. Wir möchten mit unseren Darstellern Theaterstücke, Stoffe der Literatur oder eigene Projekten erarbeiten, die bei Produzenten und Rezipienten Phantasie, Leidenschaft, Wagnis, Empathie und Erkennen freisetzen.

 

 

Frankfurt, Juli 2011